Eine Disco kommt ins Museum

Der ehemalige DJ des „Sonnensteins“, Hans Freitag, erinnert sich, Teil 2


Sonnenstein

Musik ist Trumpf!


Der Saalbetrieb wurde schnell der Publikumsmagnet, die Kaffee- und Kuchengäste hingegen – auch auf der Terrasse - immer weniger. Sonntagnachmittags wurde zum Tanztee aufgespielt, später waren auch der Samstag und der Mittwoch feste Veranstaltungstage. Flotte Tanzkapellen hielten die Gäste bei Laune und pausierten nach drei Liedern regelmäßig, damit auch an der Theke Umsatz gemacht werden konnte. Für die Auswahl der Musikkapellen hatte Johann Hasselmann ein glückliches Händchen, das wird immer wieder erzählt. Sie waren wohl letztlich dafür verantwortlich, dass das Lokal regelmäßig und über lange Zeit voll war. Um 20.00 Uhr musste man spätestens im Saal sein, um noch einen annehmbaren Platz am Tresen zu bekommen, die Tische waren schon längst besetzt. Und dann ging es los, die Delmenhorster Band „Norman’s Four“ spielte auf. Schlagzeug, Sologitarre, Rhythmusgitarre, Bassgitarre und die erstklassige Stimme von Leadsänger Klaus Pollak sorgten über Jahre (1964-1973) für Stimmung und lockten auch zahlreiche auswärtige Gäste an. Wenn es mal zu Rangeleien kam, war der Wirt für sein beherztes Eingreifen bekannt. Gelegentlich wurden aber auch unauffällig die Wildeshauser Fallschirmjäger „angefordert“, die die Störenfriede dann am Nacken nach draußen bugsierten und vieles bereits im Keim erstickten. Zur Belohnung erhielten sie in der Küche dann ein freies Essen. Schützenfeste waren – das berichten Zeitzeugen über Jahrzehnte hinweg – die Gelegenheit, auch als Minderjährige/r einen Blick in den Tanzsaal bzw. die Disco zu werfen.  

Sonnenstein

Hans Freitag hat eine Begegnung vom Schützenfest 1962 in lebhafter Erinnerung. Die Doppeltüren des „Steins“ zum Schützenplatz waren wie immer bei diesen Veranstaltungen weit geöffnet: „Mein Blick ging auf die Bühne wo eine Band spielte und eine Sängerin mit einem weißen Kleid mit blauen Punkten den Titel von Petula Clark sang: „Downtown“. Ich stand dort mit meinen 14 Jahren und schaute andächtig auf die Sängerin, die bis dahin noch völlig unbekannt war.“ Zwei Jahre später erhielt diese Sängerin ihren ersten Plattenvertrag und wurde ein Schlagerstar: Renate Kern. Hasselmann war am Puls der Zeit und verpflichtete auch die Mitte der 60er Jahre aufkommenden Beatbands für sein Haus. „The Five Spots“ aus Bremen oder die Harpstedter Band „Les fréres Jean“ boten hervorragende Musik. Sie waren regelmäßig zu Gast, bis sich der Musikgeschmack Anfang der 70er Jahre langsam änderte. Die Disco hielt Einzug und mit ihr die Schallplatte und der DJ als musikalische Unterhaltung. 1973 übernahm Klaus Sengstake den „Sonnenstein“ als Pächter von Johann Hasselmann. Sengstake war zuvor selbst als DJ mit einer mobilen Disco unterwegs gewesen und sollte auch für Hasselmann auflegen. Dem war das aber zu teuer, da verpachtete er ihm den Laden lieber ganz.

Sonnenstein

Bevor der DJ die Alleinherrschaft übernahm, wurden immer mal wieder Bands oder Solokünstler verpflichtet. Namhafte Stars traten während dieser Zeit im „Sonnenstein“ auf, so z.B. Peter Maffay oder Truck Stop. Die bekannte holländische Rock ’n’ Roll Band „Long Tall Ernie and the Shakers“ war nicht nur oft im deutschen Fernsehen (disco, Musikladen) zu Gast, sondern mit zahlreichen Auftritten auch in Diskotheken und auf Veranstaltungen vertreten. Im „Sonnenstein“ waren sie wiederholt zu hören und hatten dort eine große Fangemeinde. Auch den von Johann Hasselmann eingeführten und sehr beliebten Sängerwettstreit (bei dem Renate Kern entdeckt wurde) führte Nachfolger Sengstake unter dem Motto Schlager-Chance weiter. In bildhafter Erinnerung ist Hans Freitag noch das Blaulicht an der Tanzfläche, das das Signal für die Happy Hour gab: Bier gab es während der Blaulichtphase dann für 2 DM.

„Musikladen“ statt Youtube

Wer heute einen musikalischen Geheimtipp sucht, wird bestimmten auf einem Youtube-Channel fündig. Aber wie informierte man sich in den 70er Jahren, was angesagt war, ohne dass es schon wieder alt war? Maßgeblich war eine Musiksendung von Radio Bremen, die donnerstagabends im Fernsehen lief und bald Kultstatus erreichte, der „Musikladen“ mit Manfred Sexauer und Uschi Nerke. Was dort zu hören war, musste am nächsten Tag in der Disco gespielt werden – das war Pflicht. Hans Freitag und viele andere DJs besorgten ihre „Scheiben“ im Bremer Laden „Die Schallplatte“. Dort hatten die Discobetreiber Fächer, in die immer freitags die Single-Neuerscheinungen abgelegt wurden. Jede Woche fünf bis sechs Stück. Die konnte Hans Freitag bequem mitnehmen, denn ganz in der Nähe war sein Arbeitsplatz. Erweitert wurde das Angebot des „Sonnensteins“ durch eine Jugenddisco, die Hans Freitag 1979 musikalisch begleitete. Eingeläutet und verabschiedet wurde mit seiner Erkennungsmelodie „Time is tight“ von Booker T. & The M.G.‘S. „Diese Single ist noch heute in meinem Besitz“, berichtet der ehemalige DJ stolz.

Sonnenstein

„Es war eine tolle Zeit damals“, sagt er. Die Jugendlichen haben den „Sonnenstein“ quasi überrollt. Die Busse, die vor der Haltestelle am „Sonnenstein“ hielten, spuckten junge Leute aus Dünsen, Kirchseelte und von sonst woher aus. „Sogar die Eltern fanden die Nachmittagsdisco prima“, erzählt er. „Die Kinder kamen müde vom Tanzen nach Hause, schliefen gut und waren dann montags fit für die Schule.“ Ende 1979 war dann Schluss mit der DJ-Arbeit, Hans Freitag machte Platz für einen jüngeren Kollegen, dem er eine volle Tanzfläche hinterließ. Mittlerweile hatte der Harpstedter, wie viele andere auch, seine spätere Ehefrau kennengelernt – natürlich im „Sonnenstein“. So haben sich immer wieder Generationenwechsel vollzogen. Die Gäste wurden älter, entwickelten andere Interessen, heirateten oder zogen weg. Für alle war die Zeit im „Stein“, sei es als Gast oder Mitarbeiter/in, aber immer eine „tolle Zeit“ gewesen. Für den jetzt in Wildeshausen lebenden Hans Freitag war das Jahr 1979 die schönste Zeit. Allerdings hat seine Disco-Ära auch ihren Preis gefordert. Dass der ehemalige DJ Hörgeräte benötigt, „das hab‘ ich der lauten Musik im „Sonnenstein“ zu verdanken“, verrät er. (14.03.18 wt)

Foto „Les fréres Jean“: Günter Osmer (Schlagzeug), Harry Schröder (Gesang), Johann Osmer (Rhythmusgitarre), Egon Riess (Bassgitarre), Wolfgang Thiele (Sologitarre).
Fotos: Sammlung Hans Freitag
Foto Terrasse: Hans Hasselmann