Ausstellungen

Tür auf – Licht an! Leuchten und Türbeschläge 1900 – 1960, vom 6. November bis 31. März

Eine Sonder-Ausstellung im Museumsdorf Cloppenburg


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Selten bewusst wahrgenommen, tragen Türdrücker, Licht und Beleuchtung doch ganz erheblich zu unserem Wohlbefinden bei. Erst wenn die basale Haustechnik einmal nicht anstandslos funktioniert, wenn die Tür nicht richtig schließt, die Türklinke klemmt, die Leuchte oder Glühlampe flackert oder blendet, rückt die vermeintlich unscheinbare Haustechnik in unseren Blick. Dabei sind die uns so selbstverständlich vorkommenden Formen, Konstruktions- und Funktionsweisen von Leuchten und Türdrückergarnituren Ergebnis oft jahrelanger konzentrierter und aufwendiger Entwicklungsarbeit, zumal wenn diese auf Produkte von langlebiger Qualität und zeitloser Ästhetik zielte, wie das für die Epoche der klassischen Moderne der Fall ist. Seit dem frühen 20. Jahrhundert konstruierten und gestalteten Architekten, Ingenieure, Produktentwickler und Designer – wie Peter Behrens (1868–1940), Walter Gropius (1883–1969) oder Wilhelm Wagenfeld (1900–1990) – für die industrielle Massenfertigung ebenso zuverlässige wie qualitativ hochwertige Formen in einer zeitgemäß ansprechenden, den modernen Alltag in Wohnung, Werkstatt, Büro und öffentlichem Raum über Jahrzehnte, teilweise bis heute prägenden Ästhetik.

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Der Oldenburger Bauingenieur, Berufs- und Hochschullehrer Prof. Dr. Klaus Struve sammelt seit fünf Jahrzehnten Bugholzmöbel, Leuchten, Lichtschalter und Türbeschläge aus der Zeit des „Neuen Bauens“ und des „Internationalen Stils“. Als Glücksfall ist es zu bezeichnen, dass der passionierte Sammler im Jahr 2013 auf das Museumsdorf Cloppenburg zukam, um auf Grundlage seiner Sammlung „Zweck & Form“ gemeinsam eine Ausstellung zur Entwicklung der Türbeschlags- und Beleuchtungstechnik im 20. Jahrhundert zu erarbeiten. Als Ergebnis dieser Zusammenarbeit zeigt das Museumsdorf vom 6. November 2016 bis Ende März 2017 die Ausstellung „Tür auf – Licht an! Türdrücker und Leuchten 1900 – 1960“, zu der auch ein reich bebildertes Begleitbuch erscheint. An Türbeschlägen – also vor allem den Türschlössern mit ihren Klinken, die die Fachleute „Türdrücker“ nennen – und Leuchten, die für die Laien „Lampen“ sind, lassen sich zwei zentrale Trends des modernen Alltags im 20. Jahrhundert nachzeichnen: Mit der zunehmenden Verhäuslichung des Lebens, die dazu führt, dass immer mehr Menschen sich immer länger in geschlossenen Räumen – in Wohnung, Fabrik, Büro, Schule, Krankenhaus, Heim – aufhalten, wächst die Bedeutung von Beleuchtung und Raumabschluss. Das für die meisten innerhäusig angelegte moderne Berufsleben verlangt eine tageslichtunabhängige Beleuchtung von guter Qualität. Welch Fortschritt die in der Ausstellung und diesem Buch präsentierten Beleuchtungskörper aus Historismus, Jugendstil und klassischer Moderne bedeuteten, beweisen die zumeist „dunklen“ historischen Häuser des Museumsdorfs. In ihrer Mehrzahl bilden die Museumshäuser nämlich die Licht- und Beleuchtungsverhältnisse der vorindustriellen Epoche ab, in denen bestenfalls Kerze oder seit den 1860er Jahren Petroleumlampe, meist aber Kienspan, Öllampe oder Tranfunzel und nicht zuletzt das offene Herdfeuer über Jahrhunderte für eher schemenhaftes Licht sorgten. Erst das elektrische Licht lieferte eine dem modernen Lebensstil gemäße saubere, sichere, gleichmäßige, weitgehend wartungsfreie, leicht regelbare und seit den 1930er Jahren für die meisten auch erschwingliche Helligkeit, die nicht wie die Übergangstechnologie des Gaslichts die Räume unangenehm aufheizte. Das neue – vor allem auf der Erfindung der doppelt gewendelten Glühlampe fußende – Licht verlangte aber nach technischer und ästhetischer Gestaltung. Die für Ausstellung und Katalog aus der Sammlung „Zweck & Form“ ausgewählten Leuchten zeichnen – angereichert durch einige wenige Stücke anderer Sammler – die konstruktive wie stilistische Entwicklung vom Historismus über den Jugendstil und die klassische Moderne der Neuen Sachlichkeit und des Bauhauses bis zum Internationalen Stil nach. Die Zukunft wird zeigen, welchen Weg das häusliche Beleuchtungswesen mit dem gegenwärtigen Auslaufen der Glühlampen-Technologie einschlagen wird.

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Ganz ähnlich verhält es sich mit den Türbeschlägen: Die mit der Verhäuslichung des modernen Lebens einhergehenden, bis in unsere Gegenwart wirkenden Trends einer stärkeren Intimisierung, Separierung und Differenzierung der Gebäudenutzung, nach der möglichst jedem für jeden Zweck ein eigener Raum zur Verfügung stehen soll, verursacht eine Zunahme an Räumen und Türen. Der moderne Mensch der westliche Hemisphäre hat angesichts einer vermehrt als anonym und feindlich angesehenen Umwelt ein besonderes Bedürfnis nach als sicher empfundenen Rückzugsräumen entwickelt. Der temporäre Abschluss seiner selbst und seiner Habe von seinen Mitmenschen und seinem Umfeld, vervielfachte den Bedarf an Schlössern und Türbeschlägen. Jahrhundertelang deckte die handwerkliche Herstellung durch Schmied und Schlosser die überschaubare Nachfrage nach zumeist einfach gehaltener Beschlag- und Schließtechnik an ausgesuchten Türen. Das wachsende Sicherheits- und Abschließbedürfnis einer zahlenmäßig explodierenden, immer mehr Räume nutzenden und währenddessen schutzbedürftiges Eigentum häufenden Bevölkerung befriedigt seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert dagegen die fabrikmäßig-industrielle Massenproduktion. Zu welch technisch ausgefeilten konstruktiven und zugleich geschmacklich überzeugenden stilistischen Lösungen sie dabei kam, belegen die präsentierten Türdrückergarnituren, Stoßknäufe und -griffe aus Klaus Struves Sammlung „Zweck & Form“. Hinter dieser Entwicklung standen Menschen, sowohl namentlich bekannte Architekten, Ingenieure, Gestalter und auch Handwerker, die ihre Kraft und ihr Können in Konstruktion und Formgebung einfließen ließen – oftmals nicht ohne dabei durch die Qualität ihrer Produkte positiv in die Gesellschaft wirken zu wollen – als auch die meist namenlosen Nutzer dieser Produkte, die durch ihre Nachfrage die Serienherstellung der Prototypen erst wirtschaftlich machten. Auch von ihnen handeln Buch und Ausstellung, und das – wenn möglich – mit einem räumlichen Bezug zur Region Weser-Ems. Zahlreiche Stücke der Sammlung wurden nämlich aus hiesigen Gebäuden geborgen; ansonsten wären sie zumeist im Abfall gelandet. Dies gilt auch für die Haus- und Zimmertüren, die der zwischen Weser und Ems tätige Monumentendienst und die Bauteilbörse Bremen e.V. dankenswerterweise zur Verfügung gestellt haben. Denn die Türdrücker sollen nicht „nackt“ für sich, sondern im funktionalen und stilistischen Zusammenhang mit den jeweils passenden Türen und Leuchten präsentiert werden. Leuchten und Türbeschläge sind recht langlebige Objekte, sowohl in konstruktiv-materieller als auch in ästhetisch-stilistischer Hinsicht. Sie unterliegen einem mittelfristigen Austausch, wobei Türbeschläge beharrender sind: Denn während Lampen meist bei einem Nutzerwechsel z. B. anlässlich eines Wohnungswechsels ausgetauscht werden, somit eher an den Nutzer gebunden sind, mit dem sie in die neue Wohnung ziehen, werden die Beschläge als feste Gebäudeausstattung erst im Rahmen grundlegender Modernisierungen ersetzt; häufig nach mehreren Nutzergenerationen, wenn der Zeitgeschmack sich gravierend gewandelt hat. Die präsentierten Objekte, darunter „Ikonen der Moderne“, wie der „Gropius-Türdrücker“ oder die Schreibtischleuchten, die im Dessauer Bauhaus entworfen wurden, sind einem solchen Wandel vielfach zum Opfer gefallen, obwohl Freunde und Freundinnen klassischen Designs sie weiterhin zu schätzen wissen. Ausstellung und Buch richten sich an diese wie auch an alle, die allgemein an der Entwicklung des Gestaltens von Räumen und des Wohnens während der letzten 100 Jahre interessiert sind.

Zu der Ausstellung ist ein Katalog erschienen:

Klaus Struve/Michael Schimek: Tür auf – Licht an! Leuchten und Türbeschläge 1900 – 1960. 171 S., zahlr. Farb- u. Schwarzweißabbildungen, Cloppenburg 2016, Verlag Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum, Materialien & Studien zur Volkskultur und Alltagsgeschichte Niedersachsens, Bd. 46. ISBN: 978-3-938061-367.
Preis: 19,80 €


Bildnachweis:
1. Sammlung "Zweck & Form", Sammlung Struve
2. Blendfreie Beleuchtung der Tätigkeit eines Dentisten in den 1930er Jahren: Eine Demonstration der Werbeabteilung mit einem schwarzlackierten Midgard Wandarm (Archiv: Midgard Licht GmbH, Hamburg).
3. Anzeige der Bautischlerei und Möbelfabrik H. Wessels in Oldenburg 1908 (aus: Kurt Asche: Jugendstil in Oldenburg. Band 2, hrsg. von der Nordwest-Zeitung. Oldenburg 1988, S. 36)
4. Innenraum-Luzetten für direkte, halbindirekte und indirekte Beleuchtung (aus Wilhelm Wissmann: Fortschritte der Beleuchtungstechnik, in: Siemens & Halske A.-G. / Siemens-Schuckertwerke G.m.b.H. (Hrsg.): Siemens Jahrbuch 1927. Berlin 1926, S. 383–394, hier, S. 384; Sammlung Zweck & Form).