Sanierung der Kappenwindmühle aus Bokel


Kappenwindmühle

 Das Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum in Cloppenburg präsentiert zur Veranschaulichung des Alltagslebens auf dem Lande im nordwestlichen Niedersachsen der letzten vier Jahrhunderte neben zahlreichen detailgetreu eingerichteten historischen Bauerngehöften und Handwerkstätten drei voll funktionstüchtige Windmühlen und zwei Pferdegöpel („Rossmühlen“), einen hölzernen und einen aus Gusseisen. Die Mühlen sind nicht nur ein reizvoller Blickfang, sondern sie bilden einen besonderen inhaltlichen Schwerpunkt des Cloppenburger Museumsdorfes als wertvolle Anschauungs- und Lernorte innerhalb der musealen Vermittlungsarbeit. Insbesondere Kinder und Schulklassen erfahren durch die Mühlen viel über die Energieversorgung und Lebensmittelerzeugung in vorindustrieller Zeit. Mit mehr als 250.000 Besuchern, darunter rund 50.000 Kindern und Jugendlichen im Jahr zählt das Museumsdorf Cloppenburg zu den beliebtesten Museen Norddeutschlands.

Die bereits 1939 bis 1941 auf das Gelände des Museumsdorfes versetzte, inzwischen 250 Jahre alte Windmühle wies bis vor kurzem gravierende Schäden auf, denen 2014/15 in Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden und mit Förderung durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung EFRE, das Land Niedersachsen, die Bremer Landesbank, den Freundeskreis des Museumsdorfes sowie zahlreiche Privatspenden mit einer grundlegenden Sanierung begegnet werden konnte. So wurden die vier Mühlenflügel erneuert, die wegen Schädlingsbefall und Verwitterung 2013 abgenommen werden mussten. Allen Maßnahmen lag als Grundsatz der größtmögliche Erhalt der Originalsubstanz zugrunde. Wo Ergänzungen und Ersatz unvermeidlich waren, orientierten sich die Neuanfertigungen am abgängigen Original. Freilichtmuseale Leitvorstellungen decken sich in dieser Hinsicht mit denen der Denkmalpflege.

Arbeiten in luftiger Höhe

Aber auch der Mühlenkörper war in seiner Außenhaut so stark geschädigt, dass dringend Gegenmaßnahmen ergriffen werden mussten. Die abgängige, nicht mehr regendichte und weitgehend wohl noch aus den 1940er Jahren stammende Holzverschindlung wurde im Frühjahr 2015 großflächig erneuert. Die Altschindeln hatten sich in ihren der Witterung ausgesetzten Bereichen nicht nur mehr oder weniger stark geworfen, sondern waren darüber hinaus in ihrer Mehrzahl so stark angerottet und zerfasert, dass sie keinen mechanischen Beanspruchungen mehr standhielten. Um den besonderen Anforderungen des Denkmalschutzes zu genügen und die Aussagekraft der Mühle als sprechendes Zeugnis der Technikgeschichte nicht zu schmälern, war es nötig, nach Muster der Altschindeln eigens neue Eichenschindeln anzufertigen.

Holzschindeln – im holzreichen Süddeutschland immer noch recht häufig an Gebäuden als Witterungsschutz anzutreffen – haben heute im norddeutschen Flachland einen exotischen Reiz (wie umgekehrt das Reetdach im Süden). Zwar wurden auch hier lange Zeit hölzerne Schindeln verwendet, aber nur für spezielle, eher selten vorkommende Bauaufgaben. Holzschindeln eignen sich besonders für steile Dächer sowie geschwungene und geschweifte Dachformen, wie sie in Norddeutschland gerade die Windmühlen aufweisen. So nimmt es nicht Wunder, dass das Gros der Holzschindelherstellung heute in Südddeutschland zu hause ist.

Alt neben Neu

Dort wurde mit der in Bad Reichenhall ansässigen Firma Rapold ein Betrieb gefunden, der in der Lage war, nach Vorbild der Altschindeln in denkmalgerechter Weise neue in vier verschiedenen Breiten anzufertigen. Die Schindeln waren am unteren Ende mit einem Segmentbogen zu versehen und mussten in der Dicke konisch zulaufen. Während die aus recht frischem Eichenholz gesägten, 45 cm langen Schindeln am unteren Ende 18 mm stark sind, läuft das obere Ende auf ca. 5-6 mm aus. Der segmentbogenförmige Abschluss sorgt für einen kontrollierten Ablauf des am Schindelbehang herunterlaufenden Regenwassers: Dieses tropft konzentriert am Bogenscheitel der Schindel ab, sodass das dortige Hirnholz schnell abtrocknen kann.

Nach Einweisung des Museumszimmermanns Joseph Kathmann durch den süddeutschen Schindelexperten brachte das Museumsdorf die Schindeln mit eigenem Personal an. Sie wurden mithilfe eines druckluftbetriebenen Nagelapparates auf die aus 30 mm starken Eichenbohlen bestehende Unterkonstruktion verdeckt mit zwei Edelstahlnägeln je Schindel genagelt. Wie zuvor liegen jeweils 17 cm der Schindeln frei und werden bewittert, den Rest schützen die darüberliegenden Schindelreihen. Die zwischen den Schindeln zu belassenden ca. 2 mm starken Fugen waren seitlich mindestens 3 cm von der aufliegenden Schindel zu überdecken, so dass insgesamt eine dichte Dachhaut entstand, die arbeiten kann. An den Gebäudekanten des sich konisch verjüngenden achteckigen Mühlenkörpers mussten die Schindeln in aufwändiger Weise so angepasst werden, dass die Schindelreihen hier abwechselnd (bzw. wechselseitig) über die Gebäudekante auf die sich anschließende Wandfläche übergreifen.

Arbeiten in luftiger Höhe

Eine besondere handwerkliche Herausforderung stellte die Verschindelung der Mühlenkappe dar, deren Verschindelung sich ebenfalls als abgängig herausstellte. Die Kappe ist in Längsrichtung nach außen geschwungen und gleichzeitig nach oben gewölbt. Hierfür fertigte der Museumstischler Franz-Josef Hinrichs, zugleich gelernter Zimmermann und gemeinsam mit Joseph Kathmann an der Mühlensanierung beteiligt, besondere, zusätzlich in der Breite konisch zulaufende Schindeln an (Foto). Mit diesen ließ sich die Kappenwölbung passgenau eindecken. Den i-Punkt setzen neben den eigens entwickelten „Grat-Schindeln“ ebensolche Werkzeuge, die den Austausch einzelner schadhafter Schindeln möglich machen, ohne dafür gleich größere Flächen erneuern zu müssen. Scherzhaft bemerken die beiden: „Eigentlich müssten wir uns das patentieren lassen, aber hier im Norden ist die Nachfrage zu gering.“

Im laufenden Jahr soll die Rückseite der Kappe neu verschindelt werden. Inzwischen setzt der Neubehang die gewünschte Patina an und vergraut zusehends (Foto). Das ungewohnte Bild einer Windmühle in „Eiche hell“ wird bald Vergangenheit sein. Bleibt zu hoffen, dass die Neuverschindelung ebenso lange hält wir die alte – trotz inzwischen veränderter Wuchsbedingungen der Eichen und der durch den Klimawandel veränderten Erhaltungsbedingungen. Die Edelstahlnagelung dürfte jedenfalls dauerhafter sein als die ursprüngliche aus geschmiedeten Eisennägeln, die bereits vor Jahren durchgerostet ist und notdürftig mit sichtbar gesetzten Edelstahlklammern repariert wurde.
Im Rahmen der Maßnahme wurde zur „touristischen Inwertsetzung“ ein edv-gestütztes interaktives Infoterminal eingerichtet, das es den Besuchern ermöglicht, Funktionsweise, technische und historische Hintergründe der Mühle im Erdgeschoss abzurufen.

Dr. Michael Schimek

Abbildungsverzeichnis:

1. Noch präsentiert sich die neue Verschindelung in "Eiche hell", aber sie beginnt schon zu vergrauen. (Foto: M. Schimek, Museumsdorf Cloppenburg)

2. Arbeiten Hand in Hand in luftiger Höhe: Museumstischler Franz-Josef Hinrichs und Museumszimmermeister Joseph Kathmann auf der Mühlenkappe. (Foto: Marvin Schrand)

3. Anfertigung der Schindeln durch Museumstischler Franz-Josef Hinrichs an der Fräse. (Foto: M. Schimek, Museumsdorf Cloppenburg)

4.  Alt neben neu: Links die mit Edelstahlklammern gesicherte, aber noch dichte Altverschindlung, rechts der neue Behang, kunstvoll über Eck eingepasst. (Foto: M. Schimek, Museumsdorf Cloppenburg)







Alt neben neu: Links die mit Edelstahlklammern gesicherte, aber noch dichte Altverschindlung, rechts der neue Behang, kunstvoll über Eck eingepasst. Foto: M. Schimek, Museumsdorf

 

Noch präsentiert sich die neue Verschindelung in "Eiche hell", aber sie beginnt schon zu vergrauen Foto: M. Schimek, Museumsdorf

 

Anfertigung der Schindeln durch Museumstischler Franz-Josef Hinrichs an der Fräse. Foto: M. Schimek, Museumsdorf

 

Arbeiten Hand in Hand in luftiger Höhe: Museumstischler Franz-Josef Hinrichs und Museumszimmermeister Joseph Kathmann auf der Mühlenkappe. Foto: Marvin Schrand.